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Steinböcke im Allgäu

July 20, 2009

In den Allgäuer Alpen bleiben Wanderer nicht lang allein. Seit der Wiedereinbürgerung der einst ausgerotteten Steinböcke haben sich die Tiere seit 50 Jahren so stark vermehrt, dass sie Bergfreunden inzwischen auf Schritt und Tritt begegnen. Eine Wanderroute wurde zur «Steinbock-Tour» umbenannt. Auf dem bekannten Heilbronner Weg, der in diesen Tagen 110 Jahre alt wird und Teilstück dieser Tour ist, gelten die Tiere inzwischen als beliebteste Fotomodelle.

Lange haben die Steinböcke im Verborgenen gelebt. Kaum jemand wusste, wo sie sich aufhielten, seit vor über 50 Jahren ein paar Exemplare aus dem italienischen Nationalpark Gran Paradiso importiert und im Kleinwalsertal ausgesetzt worden waren. Dort war das Wappentier seit dem 17. Jahrhundert ausgerottet. Heute weiß man, dass die italienischen Steinböcke die Zeit im Allgäu für ihre Familienplanung genutzt haben.

«Wenn man sich ruhig verhält und keine schnellen Bewegungen macht, lassen einen die Steinböcke manchmal bis auf ein paar Meter an sich heran», berichten Wanderer. Die Tiere haben jegliche Scheu verloren und posieren scheinbar gerne für ein Foto. Mancher Bergsteiger musste schon in großem Bogen ausweichen, weil ein Steinbock seinen sonnigen Rastplatz mitten im Weg partout nicht räumen wollte.

An der 2013 Meter hoch gelegenen Mindelheimer Hütte bei Oberstdorf sind die Steinböcke schon bequem von der Terrasse aus zu sehen. Vor wenigen Jahren noch gehörte viel Glück dazu, die Tiere in den höher gelegenen Felsregionen mal mit dem Fernglas beobachten zu können. Am Waltenberger-Haus schräg gegenüber auf der anderen Seite des Rappenalptals pflegen Steinböcke inzwischen die Frühaufsteher zu erschrecken, die beim Sonnenaufgang nach frischer Luft schnappen wollen.

«Die stehen manchmal sogar auf der Terrasse. Da reibt man sich das Sandmännchen gleich zweimal aus den Augen», erzählt der Hüttenwirt Mandi Böllmann. Seit eine als «Wildes Männle» bezeichnete Felsnadel der Erosion zum Opfer gefallen ist, gilt der Steinbock nunmehr als neues «Maskottchen» des Heilbronner Wegs, der über die Gipfelgrate des Allgäuer Hauptkamms führt und in diesem Monat Jubiläum feiert.

Bergsteiger treffen bei der Durchquerung der Allgäuer Alpen von der Oberstdorfer Fiderepass-Hütte über den Schrofenpass und den Heilbronner Weg zurück nach Oberstdorf mit ziemlicher Sicherheit irgendwo auf Steinböcke, die ihr angestammtes Einbürgerungsrevier hoch über dem Kleinwalsertal verlassen und sich auf die ganze Allgäuer Alpenkette ausgedehnt haben. Die mehrtätige Wanderung über die Gipfelgrate des Hauptkamms wird deshalb inzwischen auch Steinbock-Tour genannt. Ohne großen Aufwand wird die Hochgebirgswanderung zur Fotopirsch.

Durch das normale Verhalten von Bergwanderern lasse sich der Steinbock nicht aus der Ruhe bringen, erklärt der Biologe Henning Werth. Er ist Gebietsbeauftragter des Naturschutzgebiets Allgäuer Hochalpen und sieht eher eine andere Gefahr: «Wenn den Tieren jemand zu aufdringlich wird, flüchten sie in höhere Felsregionen und treten dort oben mit Absicht Steine los, um Verfolger abzuschrecken.»

Für die Aufzucht ihres Nachwuchses wählen die weiblichen Tiere nach wie vor die unzugänglichen Felsregionen. Dort sollte man sie nicht aufscheuchen, rät Werth. Für ein Foto lohnt sich das ohnehin kaum, denn die Weibchen haben kein wuchtiges Gehörn, sondern nur kurze Stangen und sind von weitem leicht mit einer Gemse zu verwechseln. Den Sommer über streifen die Böcke in Rudeln durch die Allgäuer Alpen, ehe sie im Herbst untereinander ihre Kräfte messen und sich dann neuerlich den Weibchen widmen.

Quelle: ad-hoc-news.de

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